Livechat

Chat

Sinkothek

    Jordi Savall setzt ein Zeichen gegen die grassierende europäische Kulturlosigkeit
    Jordi Savall lehnt den mit 30'000 Euro dotierten spanischen Premio Nacional de Música 2014 ab. In einem offenen Brief greift er die kulturfeindliche Haltung des Ministerio de Educación, Cultura y Deportes an. In Spanien herrschten Desinteresse und Inkompetenz in Sachen Kultur, so Savall. Deshalb würde die Pflege des kulturellen Erbes in unverantwortlicher Weise vernachlässigt.
    Kommentar schreiben ()
    Goernes Schumann-Triumph
    Einen phänomenalen Liederabend habe ich offenbar im Konzerthaus verpasst. Kollege Helmar Dumbs schwärmt über die Schumann-Interpretation Matthias Goernes. In der Online-"Presse" nachzulesen:
    diepresse.com
    Kommentar schreiben ()
    Harnoncourts vollendete "Unvollendete"
    Es gab zahlreiche Versuche, Schuberts zweieinhalbsätzig hinterlassene h-Moll-Symponie zu vervollständigen. Einer davon basierte auf der Theorie, die lange h-Moll-Zwischenaktsmusik aus der Schauspielmusik zu "Rosamunde" sei ursprünglich das Symphonie-Finale gewesen. (Was im übrigen nicht völlig unlogisch klingt . . .)
    Wie auch immer. Nikolaus Harnoncourt bleibt dichter an Schuberts Buchstaben. Er hat eine Möglichkeit gesucht, mit der "Unvollendeten", wie wir sie kennen, sinnvoll ein Konzert beenden zu können. Das tut er nun am Sonntag-Vormittag im Musikverein.
    Er platziert die "Rosamunde"-Musik - mit der richtigen Ouvertüre (!) und Texten, die uns die Handlung, die Schuberts Musik illustrieren will, nachvollziehbar machen sollen - am Beginn der Matinee. Also hört man, was stimmungsmäßig so gut zu den Klängen der "Unvollendeten" passt, vorab. Und bekommt sicher im Programmheft noch einmal Schuberts bewegende "Traum"-Erzählung zu lesen, von der Nikolaus Harnoncourt meint, sie passe so gut als "Programm" zu den beiden vollendeten Sätzen der Symphonie . . .
    Für alle, die nicht live dabei sein können: In Ö1 wird die Aufzeichnungen dieses "Philharmonischen" am 7. Dezember, am Tag nach Harnoncourts Geburtstag, gesendet.
    Kommentar schreiben ()
    Sparmaßnahmen drohen "La Monnaie" umzubringen
    Alarmstimmung in Brüssel: Für Jänner 2015 hat der belgische Staat für das Brüsseler Opernhaus eine Kürzung von knapp 3 Millionen Euro angekündigt; bis 2019 droht insgesamt eine Kürzung von fas sieben Millionen Euro; innerhalb von fünf Jahren soll das "Monnaie"-Budget um 30 Prozent gekürzt sein. Das drohe, warnt nun der Vorsitzende der deutschen Opern-Konferenz, Bernd Loebe (Intendant in Frankfurt), eines der renommiertesten europäischen Opernhäuser in den Ruin zu reiben. Der amtierende Intendant in Brüssel, Peter de Caluwe, hätte, so Loebe, klargestellt, dass so vorsichtig wie möglich gewirtschaftet würde. Werden die Sparmaßnahmen durchgezogen, sei das Haus "zum Sterben verurteilt".

    Angst und bang kann einem werden, wenn man den europäischen Kultur-Politikern beim Arbeiten zuschaut. In Rom versucht man gerade zu retten, was zu retten ist - vielleicht werden dort die Kündigungen zurückgenommen, wenn die Gewerkschaft auf Vertrags-Änderungen eingeht und vor allem auf die ins Kraut geschossenen Boni verzichtet. Jedenfalls ist der italienische Opern-Betrieb arg im Trudeln. Und offenbar bald auch der in der EU-Hauptstadt; bezeichnend . . .
    Kommentar schreiben ()
    Otto Schenks "Füchslein" wird zum Kassenmagneten
    Eben ging die Wiederaufnahme der Vorjahres-Produktion von Janaceks "schlauem Füchslein" zu Ende. Die Vorstellung, wieder umjubelt, war restlos ausverkauft - dass die Staatsoper da eine wirklich zauberhafte Inszenierung zu bieten hat, dürfte sich herumgesprochen haben. In beinah unveränderter Besetzung lief das Spiel von der ewig sich erneuernden Natur wieder bunt bewegt und bewegend ab.
    Die Janacek-Offensive verdanken wir dem ehemaligen Generalmusikdirektor Welser-Möst, der sich diese Aufführungsserie gewünscht hat - jetzt aber solchen Erfolgen zum Trotz leider die Lust verloren hat, am Haus zu dirigieren. Die schwierige Aufgabe, das von Chen Reiss und Gerald Finley angeführte, durchwegs exzellente Ensemble und das Orchester durch eine so heikle Partitur zu führen, hat nun (nach seinem Debüt mit "Rusalka" Anfang der Saison) Tomas Netopil übernommen. Der junge Tscheche ist ein offenkundig hochbegabter Kapellmeister; und spricht, abgesehen davon, Janaceks Sprache. Den daraus entwickelten eigenwilligen - und vom Komponisten auch zu höchst komplexen Gebilden geschichteten Rhythmus dieser Musik bringt Netopil mit klaren Gebärden aufs natürlichste zum Klingen. Und in den lyrischen Momenten - etwa in der Traumsequenz im ersten Akt, blüht der philharmonische Klang herrlich auf.
    So bleibt das "Füchslein" auch musikalisch ein kleines Juwel im Repertoire.
    Vorstellungen am 12., 14. u. 17. November.
    Kommentar schreiben ()
    Vor der Staatsopern-Premiere
    Semyon Bychkov plauderte im Institut für Theaterwissenschaft an der Wiener Universität vor der bevorstehenden Premiere von Mussorgskys "Chowanschtschina" über die Besonderheiten dieses ungewöhnlichen Musikdramas, dessen Musik, so Bychkov, mehr noch als die des "Boris Godunow" aus der russischen Volksmusik schöpft. "Aber Mussorgsky zitiert nicht", sagt Bychkov. Vielmehr handelt es sich um ein "Nachempfinden", das diesem Werk seine besondere Farbe verleiht.
    Gespielt wird die Fassung von Dmitri Schostakowitsch. Mussorgsky hat von seiner Oper ja nur einen Klavierauszug hinterlassen; und den ohne definitiven Schluss. Der kollektive Selbstmord der Altgläubigen im Finale des fünften Akts wird nicht, wie von Schostakowitsch vorgeschlagen, von einer Wiederholung der lyrischen Eingangs-Musik der Oper untermalt: "Das scheint mir völlig unpassend", meint der Dirigent.
    Zu Mussorgskys Tonsprache: "Er geht immer von der Sprache aus; allerdings müssen die Interpreten versuchen, vom Charakter und der Situation der jeweiligen Person auszugehen; sonst droht es eintönig zu werden: Wenn man die Zwischentöne hörbar macht, die Charaktere einfängt, dann ist es ungeheuer aufregend, und die Auseinandersetzung der drei Hauptfiguren im zweiten Akt ist eine Szene, mindestens so spannend wie die, die Verdi im Don Carlos für König Philipp und den Großinquisitor komponiert hat!"
    Bewegend sei, so Bychkov, dass es bei Mussorgsky keine schwarz-weiß-Zeichnung gibt: Selbst der Mörder Schaklowity singt eine Arie, in der man ihm "seine Liebe zu Russland, die ihn bewegt, glauben muss: Mussorgsky schenkt ihm so schönes Musik wie Wagner stellenweise der Ortrud im Lohengrin. Es ist nie alles schwarz oder alles weiß . . ." und die politischen Konnotationen der "Chowanschtschina" seien in Zeiten, in denen unausgesetzt von religiösem Fanatismus die Rede sei, "so aktuell wie nie!"
    Kommentar schreiben ()
    Das Richard Strauss Festival im "ganz normalen" Opernleben
    Kirill Petrenko dirigiert den "Rosenkavalier" an der Wiener Staatsoper. Ein Höhepunkt in den Repertoire-Zelebrationen zum Richard-Strauss-Jubiläum im Haus am Ring. So aufregend, so differenziert hat man das Stück seit Carlos Kleiber nicht mehr gehört! Die Solisten-Riege, angeführt von Soile Isokoski und Peter Rose ist exzellent. Wer Strauss liebt, darf diese Aufführung nicht versäumen! (Reprisen am 23., 26. und 28. November)
    diepresse.com
    Kommentar schreiben ()
    Riccardo Muti und die Zukunft
    In Rom hat die Verwaltung des Opernhauses die kollektiven Kündigungen nach dem Einlenken der Gewerkschaften zurückgenommen. Einige Kommentatoren sprechen von einer möglichen Rückkehr des im Zorn geschiedenen Dirigenten Riccardo Muti, doch der hat nun der Tageszeitung "Il Giornale" in einem Interview erklärt, künftig keine Leitungsfunktionen mehr übernehmen zu wollen, sondern nur noch junge Talente zu fördern - vor allem innerhalb der Aktivitäten seines Jugendorchesters "Luigi Cherubini"; und Konzerte mit den Wiener und Berliner Philharmonikern zu geben. Mit den Wienern ist eine Russland-Tournee bereits fix vereinbart. Ob er an die Mailänder Scala zurückkehren würde, von der er ebenfalls im Streit geschieden ist, ließ Muti offen, empfiehlt dem Scala-Intendanten aber grundsätzlich, sich der Werke von Komponisten wie Cherubini, Spontini und Bellini anzunehmen, die "viel zu wenig gespielt" würden.
    Kommentar schreiben ()
    Oper ohne Regie-Wahnsinn
    In romanischen Ländern würde sich das Publikum den in unsern Breiten sakrosankten Regie-Irrsinn niemals gefallen lassen. Man behelligt es erst gar nicht damit. In Venedig kam gerade Verdis "Simon Boccanegra" neu heraus - und wird aufs realistischste erzählt.
    Dergleichen gilt in deutschsprachigen Landen als rettungslos altmodisch. Im Mutterland der Oper geht man damit um wie mit einer gut gemachten TV-Sendung im Hauptabendprogramm. Man erlebt das Stück und macht sich selbst seinen Reim drauf.

    Spannend für Wiener Zaungäste: Am Dirigentenpult steht mit Myung-Whun Chung jener Mann, der an der Staatsoper demnächst zwei Verdi-Dirigate vom freiwillig ausgeschiedenen Wiener Generalmusikdirektor übernimmt. Er tut es knapp, klar und mit Sinn für zündende Dramatik, was im "Fenice" für Begeisterungsstürme sorgt.

    Die ausführliche Rezension ist in der Print-Ausgabe erschienen:

    diepresse.com
    Kommentar schreiben ()
    Staatsopern-Repertoire: Eine "Traviata" als "Crescendo im Verlöschen"
    Es begann wie eine ganz gewöhnliche Repertoire-Aufführung. Doch gelang Ermonela Jaho im Verein mit dem unter Myung-Whun Chung höchst animiert und sensibel aufspielenden Staatsopern-Orchester der paradoxe Fall eines "Crescendos im Erlöschen". Der dritte Akt wurde zu einer psychologischen Studie in Pianissimo - wobei die philharmonischen Streicher die Nuancen, mit denen Jaho ihr "Addio del passato" auusstattete, seismographisch zu übernehmen schienen. Die große Stärke Chungs, der vom Wiener Ex-Generalmusikdirektor beide Verdi-Serien im Dezember übernommen hat, liegt in der Kunst des "Konzertierens", wie es im Mutterland von jedem Opern-Kapellmeister verlangt wird. Als "Maestro concertatore" und "Direttore d'orchestra" bringt er Solisten, Chor und Orchester dazu, aufmerksam aufeinander zu hören. Und er reduziert die Lautstärke auf das von Verdi angegebene Maß; also hört man für eine Repertoirevorstellung ungewöhnlich viele leise und sehr leise Töne, ohne dass deshalb die Spannung nachließe.
    Sensationell das Violinsolo kurz vor Schluss, das über tatsächlich in vierfachem Piano realisierten Akkorden wie aus einer andern Welt hereinzuschweben scheint. Atemlose Spannung im Auditorium, dann Ovationen für alle, auch den soliden Duettpartner der Violetta, Saimir Pirgu und den Hausdebütanten Vitaliy Bilyy, der als Vater Germont angesichts des Charmes der "Traviata" vom rüden Kraftmeier zum Freund mit wachsweichem Herzen mutiert - und mit langem Atem schier endlose Phrasen modelliert.
    (Am Feiertag als Nachmittagsvorstellung um 16 Uhr, am 16. Dezember als Livestreeam unter www.staatsoperlive.com)
    Kommentar schreiben ()
    Barenboims Abschied von Mailand: "Fidelio" zur Saison-Eröffnung 2014.
    Wie das Publikum auf das Erscheinen des Regie-Teams reagiert hat, zeigte der TV-Sender Arte vorsorglich nicht. Wie gewohnt, lieferte man aber im übrigen die gesamte Eröffnungs-Premiere der neuen Saison der Mailänder Scala frei Haus. Das notorisch überbuchte Gesellschaftsereignis am 7. Dezember ist längst zum Medien-Spektakel geworden.
    Heuer gab man den "Fidelio" als Abschiedsvorstellung des Chefdirigenten Daniel Barenboim, der 2015 von Riccardo Chailly abgelöst wird. Etwas massig und in zum Teil ungewöhnlich ruhigen Tempi klang Beethovens Oper diesmal; zumindest in der Mischung, die die Arte-Technik in den Äther schickte. Für den schlanken Tenor Klaus-Florian Vogts erwies sich diese Gangart als nicht ganz ungefährlich. Er klang im Finale schon recht angestrengt, während die ungemein präzis artikulierende Leonore Anja Kampes nur in der höchsten Höhe geschärft, sonst aber in allen Lagen ausgewogen und satt tönte.
    Ein zynischer Bösewicht war mit Falk Struckmanns Pizarro zugegen, ein bärig-kräftiger Vater Rocco mit Kwangchul Youn. Töchterchen Marzelline schien mit Mojca Erdmann in jeder Hinsicht leichtgewichtig. Freilich: Dass dieser lebhafte Sproß der Twitter-Generation nicht viel früher erkennt, dass es sich bei Fidelio um eine Leonore handelt, ist nicht glaubhaft. Deborah Warners Inszenierung spielt bei sonst mehrheitlich ganz normalen "Fidelio"-Bewegungsabläufen heutzutag; und das schränkt die Glaubwürdigkeit der Handlung doch erheblich ein.
    Gewiss, das Hohelied der Freiheit ist allzeit gültig - doch das ändert wenig daran, dass die utopisch-symbolträchtigen Theater-Bilder, die Beethoven vertont hat, in einer andern Zeit als der unsern angesiedelt sind. Wer das nicht wahrhaben will, schafft keine "Aktualisierung", sondern schwächt lediglich die Glaubwürdigkeit; und damit auch die Wirkung des Ganzen ab.
    Wie auch immer: Mailand hat mit einem zuletzt rote Fahnen schwingenden Chor seine Inaugurazione 2014 absolviert. Die Welt hat zugeschaut. Die internationalen TV-Stationen bieten eine Menge weniger sinnvoller Abendbeschäftigungen . . .
    Kommentar schreiben ()
    Überraschung: Jonas Kaufmann statt Vogt an der Scala
    Klaus Florian Vogt, der, wie berichtet, in der diesjährigen Eröffnungs-Premiere der Mailänder Scala-Saison den Florestan in der von Daniel Barenboim dirigierten "Fidelio"-Aufführung sang, musste gestern, Mittwoch, krankheitshalber vor der ersten Reprise der Neuinszenierung absagen. Es stand prominenter Ersatz bereit: Der Einspringer hieß Jonas Kaufmann und wurde herzlich bedankt. Vogt denkt, bei der kommenden "Fidelio"-Aufführung am Samstag schon wieder fit zu sein.
    Kommentar schreiben ()
    Der Wiener Musikwissenschaftler Erich Partsch starb 55-jährig
    Die heimische Musikwissenschaft verlor eine weitere prägende Gestalt: Erich Wolfgang Partsch ist unerwartet im 56. Lebensjahr gestorben. Nach Manfred Angerer und Gerhard Winkler wurde ein weiterer Forscher und Lehrer mitten aus der Arbeit gerissen. Partsch war einer von den Stillen, die sich nie in den Vordergrund drängen, doch unermüdlich am Werk sind. Vor allem in der Bruckner- und Mahler-Forschung war Partsch hoch aktiv, als Vizepräsident der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft verdient um die Neu-Herausgabe der Werke Mahlers und Bruckners, hielt er auch Vorlesungen am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien. Derlei liest sich trocken – schreibt sich aber nicht leicht, wenn man Erich, der später zum Studienkollegen wurde, schon als Teenager, als einen immer neugierigen, wachen, sensiblen Musikbegeisterten auf dem Galerie-Stehplatz kennen gelernt hat.
    Seinen Kommilitonen, die allesamt fassungslos vor der Todesnachricht stehen, bleibt nur die Hoffnung, dass ihn nun eine höhere Harmonie umfängt, die ihn über alle Versuche, hienieden die Harmonielehre begreifen zu wollen, lächeln lässt - sanft und ein bisschen maliziös, wie er das so gut konnte . . .
    Kommentar schreiben ()
    Quiz: Von wem stammt „Bist du bei mir . . .“?
    Es war ein Schlager am Beginn des 18. Jahrhunderts; wiewohl ein geistliches Lied. Johann Sebastian Bach hat es als erbauliche Studie seiner Anna Magdalena ins „Notenbüchlein“ geschrieben. Seither schreiben es die Nachkommenschaften dem alten Meister zu. Doch stammt die verzehrend schön geschwungene Melodie, die einst Elisabeth Schwarzkopf so unvergleichlich gesungen hat, von Gottfried Heinrich Stölzel (1690 – 1749), dessen Erbe von einer eigenen Stölzel-Gesellschaft in Deutschland gepflegt wird. Deren Mitarbeiter fanden jüngst einige bis dato unbekannte Kantaten ihres Meisters, die zusammengenommen wiederum ein Weihnachtsoratorium ergeben – und dieses konnte man am dritten Adventsonntag unter der Leitung des jungen Oberösterreichers Matthias Wögerer in Linz hören.
    Bei unserm Quiz gab’s zwar nichts zu gewinnen. Aber vielleicht hat der eine oder andere neugierige Musikfreund die Anregung aufgenommen: einen talentierten jungen Dirigenten und ein altes, aber seit knapp 300 Jahren nicht mehr gesungenes Weihnachtsoratorium entdeckt man am selben Fleck ja nicht alle Tage. Nicht einmal im Advent . . .


    Die Schwarzkopf: www.youtube.com
    Kommentar schreiben ()
    Die Doyenne der Porträt-Photographie. Zum Tod von Lillian Fayer
    Lillian Barylli-Fayer ist in der Nacht auf den 14. Dezember friedlich entschlafen. Die beliebte Phrase trifft in diesem Fall gottlob die Wahrheit. Lillian Fayer stand im 98. Lebensjahr und doch kam, wie die Familie versichert, der Tod völlig unerwartet. Bis zuletzt war sie hellwach und stets am Fortgang des heimischen Kulturlebens interessiert, jenes Kulturlebens, das sie über lange Jahre so aufmerksam und einfühlsam mit der Kamera verfolgt und dokumentiert hat.
    „Foto Fayer“, so lautete über lange Jahre das Synonym für hochwertige Künstler-Porträts aus dem Theater- und Opernbereich. Die "Fayerin", wie sie Opernlgenden vom Schlag einer Elisabeth Schwarzkopf gern nannten, war die Fotografin der Salzburger Festspiele und der Wiener Staatsoper, wo sie in der legendären Ära Karajan mit Erlaubnis des hoch kritischen Maestros aus und ein gehen durfte, wie es ihr gefiel. Denn Karajan wusste: Auf die Dezenz Lillian Fayers war ebenso Verlass wie auf die exzellente Qualität ihrer Bilder.
    Geboren am 8.Juli 1917 in New York, war sie als Mädchen über Ungarn nach Wien gekommen, um dort das (noch von Pionier Daguerre mitbegründete) bedeutende Photounternehmen ihres Vaters zu übernehmen
    In der Wiener Staatsoper absolvierte die Bild-Künstlerin denn auch ihren letzten großen öffentlichen Auftritt: Anlässlich Ihres 95. Geburtstages eröffnete Direktor Dominique Meyer eine Portrait-Ausstellung im Gustav Mahler Saal. Wie stets präsentierte sie sich auch bei dieser Gelegenheit als bescheidene, liebenswerte Zeitgenossin, die nicht viel Aufhebens von ihrem Können machte, sich aber über die Anerkennung der von ihr Porträtierten herzlich freuen konnte. Die waren ihr allesamt zu innigem Dank verpflichtet, denn sie hatte es verstanden, Schauspieler und Sänger als Menschen wie als ausdrucksstarke Bühnendarsteller gleichermaßen einzufangen - eine Quadratur der Porträt-Kunst, die nur wenige beherrschen.
    Entsprechend lang liest sich das Register der Auszeichnungen, derer Lillian Barylli-Fayer teilhaftig wurde: Sie war Trägerin des Goldenen Verdienstzeichens um die Republik Österreich, Trägerin des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien, der Goldenen Ehrennadel der Bundesinnung der Berufsphotographen, Ehrenmitglied der Gesellschaft für Musiktheater, Ehrenmitglied der Internationalen Placido Domingo Society, Ehrenmitglied des José Carreras Clubs, Ehrenmitglied des Jugendclubs der Freunde der Wiener Staatsoper sowie im Ehrenkomitee der Freunde der Wiener Staatsoper.
    Kommentar schreiben ()
    Ein Notebook erklärt uns ab sofort "live" Musik
    In Zeiten, in denen es weltweit immer schwieriger wird, die sogenannte „klassische“ Musik an Mann und Frau zu bringen, vor allem, wenn diese jüngeren Datums sind, arbeiten Wissenschaftler daran, ein Computerprogramm zu entwickeln, das Musik erkennen kann und sogar Informationen darüber, die für Hörer nützlich sein sollen, an diese weitergeben kann. Die Dinge sind so weit gediehen, dass man nun in Amsterdam zur Tat schreiten will. Am 7. Februar 2015 feiert der Computer im Concertgebouw seinen Konzert-Einstieg: „Ein ganz normales Notebook von uns wird live zuhören und versuchen, in Echtzeit und punktgenau mitzuverfolgen, wo man sich im Stück gerade befindet, und dann in den richtigen Momenten Informationen per WLAN an iPads von Zuhörern im Publikum schicken“, verkündet der Leiter des Projekts und ist stolz: „Ich glaube nicht, dass das vor uns jemand geschafft hat.“ Das glaube ich auch nicht. Jetzt dürfen wir gespannt sein, was Notebook seinen Lesern, die ja gleichzeitig zuhören sollen, verkünden wird. Gespielt wird die „Alpensymphonie“ von Richard Strauss, in der eine Hundertschaft von Musikern die Vergnügungen und Gefahren einer Bergwanderung musikalisch illustriert. Das Stück strotz nur so von großen, kleinen und ganz kleinen klingenden Bildbeschreibungen. Das Notebook wird also allerhand zu tun haben.
    Wirklich perfekt ist die Sache - apropos Einstieg - ja erst, wenn bei Ziffer 54 die Lösung des tönenden Bilderrätsels erfolgt: Was spielen die Bratschen da gerade? Franz Welser-Möst hat anlässlich der Probenarbeit den Musikern des Gustav Mahler Jugendorchesters die Antwort gegeben: Das Glissando runter und wieder rauf schildert nichts G’schmackigeres als dass einer der Wanderer grad in einen Kuhfladen tritt . . .
    Vorausgesetzt bleibt natürlich, dass der Dirigent das im Getümmel der Orchesterstimmen irgendwie hörbar macht – und das Notebook schon entsprechende Erfahrungen in freier Natur gesammelt hat. Dergleichen darf man ja nicht einmal bei Konzertbesuchern sicher voraussetzen.
    Kommentar schreiben ()
    Wiens neuer "Rigoletto" soll überraschenderweise kein Mann im Mond werden . . .
    Einem Interview, das Regisseur Pier Audi der Austria Presseagentur gegeben hat, entnimmt man, dass nicht damit zu rechnen sei, dass der neue „Rigoletto“ an der Staatsoper „auf dem Mond“ spielen wird. Oder sonstwo, wo er nicht hingehört. Audi sieht sich nicht als „Konzept-Regisseur“, sondern möchte es „dem Publikum möglichst einfach machen, der Geschichte zu folgen“. Heutzutage eine geradezu tollkühne Definition des Regie-Handwerks, die bei Feuilletonisten nicht gut ankommen wird, aber einen diesbezüglich vielfach geschädigten Musikfreund Hoffnung schöpfen lässt.
    Die Stunde der Wahrheit schlägt am 20. Dezember. Zur Abwechslung überträgt übrigens der ORF wieder einmal eine Staatsopern-Aufführung live, zeitversetzt. In Zusammenarbeit mit der Unitel soll die Produktion auch im Kino zu sehen sein. Erin Morley, Simon Keenlyside und Piotr Beczala singen, Myung-Whun Chung dirigiert.
    Kommentar schreiben ()
    Finanzielle Erleichterung für Italiens Opernhäuser
    ,,Kultur ist Italiens Erdöl." So lautet die Erkenntnis der neuen italienischen Staatslenker. Wäre doch auch hierzulande eine solch weise Sichtweise denkbar...
    Immerhin: Unsere südlichen Nachbarn haben ein Umdenken bitter nötig. Dort war das Kulturleben bereits am völligen Zusammenbruch. Den will man nun abwenden, indem man eine im Mai eingeführte Steuererleichterung aufs Musiktheater ausdehnt.
    Art Bonus heisst die Initiative, die Mäzenen, die sich um den Erhalt und die Renovierung von Denkmälern verdient machen, Steuererleichterungen gewährt. Nun sollen die Privaten durch eine entsprechende Ausweitung des Erlasses auch in die dringend nötige ,,Renovierung" des italienischen Opernbetriebs eingebunden werden. Nach dem Vorbild der USA, wo das Opernmäzenatentum seit Jahr und Tag mit Steuerprivilegien verbunden ist, also indirekt auch eine staatlichen Förderung darstellt.
    Italiens Kulturminister Dario Franceschini träumt sogar davon, dass auf diese Weise ,,neue Häuser errichtet und neue Produktionen gefördert" werden könnten. In Wahrheit wäre es schon ein Gewinn, wenn im Mutterland der Oper alle wichtigen Häuser ungestört spielen dürften.
    Apropos: Hierzulande fürchten Kulturbetriebe die Anpassung der Mehrwertsteuersätze, die große Institutionen wie den Musikverein oder die Bundestheater in (weitere) finanzielle Bedrängnis und manch kleinere Veranstalter in den Ruin treiben könnte. Massive Privilegien gewährt Österreich übrigens nur den Sportlern. (Zum Erdölstatement der Italiener steht das quer - jede Regierung findet halt anderswo ihre Bodenschätze...)
    Kommentar schreiben ()
    Das Jahr 2014 im Finale: Was wurde aus der Staatsoper ohne "General"?
    Zeit für Rückblick und Ausblick. Der Paukenschlag im Wiener Opernleben Anfang der laufenden Saison war der Rücktritt von Franz Welser-Möst, der Anfang September bekannt gab, nicht mehr Generalmusikdirektor sein zu wollen und sämtliche Dirigate für die eben begonnene Spielzeit zurückzulegen.
    Auf die erste Schrecksekunde - immerhin waren plötzlich 34 Abende frei geworden - folgte hektische Betriebsamkeit in de Direktionsetage. Man fand namhafte Ersatz-Maestri. Vor allem aber bewies das Haus am Ring in den vergangenen Monaten, dass es in seinem laufenden Spielbetrieb jeden Vergleich aushält. Wer die Star-Termine Revue passieren lässt, beginnend mit dem viel beachteten Debüt Bryn Terfels als "fliegender Holländer", bis hin zu den Gastspielen von Dirigenten wie Semyon Bychkov, der Mussorgskys "Chowanschtschina" einstudierte, oder Christian Thielemann und Kirill Petrenko, die das Richard-Strauss-Jahr krönten, darf sich fragen: Wo sonst begegnet der Musikfreund bei einem so reichhaltigen Werk-Angebot so vielen Spitzen-Künstlern? Wo sonst hat sich der traditionelle Ensemble-Gedanke so konsequent wieder beleben lassen?
    Auch wenn es natürlich schade ist, auf einen Dirigenten wie Welser-Möst verzichten zu müssen - und bei aller Liebe zum unabdingbaren wienerischen Genörgel . . .

    diepresse.com
    Kommentar schreiben ()
    Wer ist der Schuldige, wenn ein Sänger die Stimme verliert?

    Simon Keenlyside musste leider sämtliche "Rigoletto"--Vorstellungen absagen. Eine Dolchstoß-Legende hat sich schon in der zweiten Pause der Premierenvorstellung gebildet. Einer muss ja schuld sein, wenn ein Bariton seine Stimme veriiiert; im Zweifelsfall der Dirigent . . .

    Auch Pausengespräche sind manchmal spannend zu verfolgen. Vor allem, wenn sich dann bestimmte Aussagen verselbständigen und als analytische Sentenzen ein Eigenleben zu führen beginnen. Erst recht, wenn es sich dabei um eine Art diagnostischen Befund einer ungewöhnlichen theatralischen Situation handelt.
    Es ist ja eines, wenn die Perücke einer Galina Wishnewskaja gegen Ende des zweiten „Tosca“-Aktes Feuer fängt und man beim Fallen des Vorhangs noch den Feuerwehrmann aus der Kulisse auf die Bühne stürzen sieht. Da weiß jeder bescheid, wie das zugegangen ist.
    Etwas ganz anderes ist die Befundung eines Abgangs wie jenes, zu dem sich der arme Simon Keenlyside im jüngsten Staatsopern-„Rigoletto“ gezwungen sah. Da muss ja jemand dran schuld sein, wenn so ein Sängerkaliber plötzlich die Stimme verliert.
    Ein Kenner im Foyer gab die parole aus: Der Dirigent habe den Hauptdarsteller in seiner großen Arie unmittelbar zuvor mit einer Lautstärke-Orgie so traktiert, dass es so kommen musste. Die Erkenntnis wurde flink weitergetragen und verbreitet.
    Das Zuhören kommt ja offenbar ab in der Oper. Eine Pause früher sprach mich ein Sänger-Agent noch auf die behutsame Gangart des Maestros an und meinte, es klänge geradezu „mozartisch“, was er für Verdi unpassend fand. Und dann das! Anhand des gewiss bereits allgemein herumgereichten Radio-Livemitschnitts der Premiere ließe sich nun zumindest die Lautstärken-Sängerkiller-These entkräften, was freilich gar nicht nötig wäre, wenn die klugen Analytiker des Notenlesens mächtig wären.
    Die fragliche „Cortigiani“-Arie wird nämlich in ihrem stürmischen Anfangsteil ausschließlich von den Streichern begleitet; selbst wenn der Kapellmeister das vorgeschriebene Mezzoforte in ein Fortissimo verwandelt hätte (was gar nicht der Fall war), ließe sich damit kein Bariton-Mord begehen. Auf die genau vier wirklich lauten Takte dieser Nummer, in denen auch die Bläser loslegen, folgt dann ein elegischer, durchwegs im Piano gehaltener Teil, in dem sich ein zartes Englischhorn- und ein Cellosolo zum Gesang gesellen. Zu den herausragenden Eigenschaften des Premieren-Dirigenten Myung–Whun Chung gehört übrigens sein Insistieren darauf, dass die Musiker den Sängern zuhören und, wie Verdi das übrigens auch in den „Cortigiani“ in die Partitur schreibt, „col canto“ musizieren.
    Und selbst wenn die philharmonischen Solisten sich daran nicht gehalten hätten: Zu laut können sie nicht gewesen sein. Das geht gar nicht.
    Das lässt sich eindeutig feststellen. Im Übrigen lässt sich ja in der Kunst-Diskussion allerhand behaupten, was dann willig geglaubt werden darf. Die Bewertung artistischer Produktionen ist und bleibt – und das hat ja auch sein Gutes – tatsächlich das, was man Geschmacksache nennt.
    Nur sollten "Kenner" bei ihren Pausen-Analysen davon ausgehen, dass es hie und da Menschen gibt, die das Stück kennen und/oder Noten lesen können . . .
    Kommentar schreiben ()
    2015: Ein Jahr für zwei Außenseiter: Sibelius und Skrjabin
    Der finnische Nationalkomponist Jean Sibelius kam 1865 zur Welt, der russische Exzentriker Alexander Skrjabin starb 1915 - Grund genug, sich mit diesen zwei außerordentlichen (und zu Zeiten auch von den Ästhetik-Vordenkern der Moderne ordentlich gezausten) Meistern näher auseinanderzusetzen - was an dieser Stelle mit einigen Hör-Anregungen im Laufe der Zeit geschehen wird. Zur ersten Beschäftigung ein Link: Alexander Skrjabin hat ein paar (leider nur wenige) seiner Klavierwerke für die Klavierrollen der Firma Welte-Mignon selbst eingespielt. Rare Dokumente eines Komponisten, der auch einer der bedeutendsten Pianisten seiner Zeit war (anlässlich der Schlussprüfungen am Konservatorium errang Skrjabin übrigens die "kleine" Goldmedaille, Kollege Rachmaninow bekam die "große" zuerkannt . . .)

    Hier geht's zu "Skrjabin spielt Skrjabin":

    m.youtube.com
    Kommentar schreiben ()
    Hilfe, Haydn rutscht ab
    Interessant, jeweils im Jänner die Statistiken auf www.bachtrack.com abzurufen, einer Web-Seite, die sich als Führer durch das Konzertleben versteht und genau unter Beobachtung hat, welche Werke wie häufig gespielt werden und welche Künstler wie oft engagiert. Was die Dirigenten betrifft, landeten heuer übrigens Andris Nelsons auf Platz 1, Jaap van Zweden auf Platz 2 und Michael Tilson Thomas auf Platz 3.
    Wichtiger aber die Komponistenliste: Der Reihe nach gewinnen Beethoven, Mozart, Bach, Brahms, Schubert, R. Strauss, Tschaikowsky, Händel, Ravel, Dvorak. Dass also vier Meister unter den ersten zehn sind, die ihre wichtigsten Schaffensjahre in Wien verbracht haben, freut uns. Aber, bitte, wo ist denn nach Beeethoven und Mozart der dritte Wiener Klassiker geblieben? Bis dato war Joseph Haydn immer unter den ersten zehn. Jetzt ist er auf Platz 13 gelandet. Ausgerechnet.
    Irgendwie geht es dem „Vater der Symphonie“ wie dem großen Poeten Klopstock bei Lessing: „Wer wird nicht einen Klopstock loben/Doch wird ihn jeder lesen?“ Offenbar braucht es ein wenig Aufklärungsarbeit, damit Veranstalter und Publikum lernen, dass die Stücke, die dieser Meister hinterlassen hat, nicht zitabel nur zum Kulturkanon gehören, sondern auch zum Hören gedacht sind: sie wirken dabei vergnüglich und erbaulich, probiertermaßen. Wenigstens Platz 10 sollte 2015 wieder drin sein!
    Übrigens: Von Beethoven finden sich drei Symphonien unter den ersten zehn meistgespielten Werken. Was wiederum wie eine Paraphrase auf einen alten Witz anmutet: Wieviele Symphonien hat Beethoven geschrieben? Antwort: Drei, die Dritte, die Fünfte und die Siebente . . .
    Kommentar schreiben ()
    Gurlitt, der doppelt übervorteilte Komponist
    Der Name Gurlitt ist in jüngster Zeit aus ganz anderen Gründen in die Schlagzeilen geraten. Doch gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch einen Komponisten dieses Namens. Manfred Gurlitt, 1890 in Berlin geboren, musste 1933 emigrieren und starb 1972 in Tokio – einer jener Musiktheater-Handwerker, die gute Karriere hätten machen können, aber von den Zeitläuften daran gehindert wurden.
    Im Falle Gurlitts kommt noch ein bitterer Zynismus der Geschichte hinzu. Nach einem Anfangs-Erfolg mit „Die Heilige“ (1920) arbeitete der Komponist zeitgleich mit Alban Berg an einer Opern-Version von Büchners „Wozzeck“.! Gegen den übermächtigen Konkurrenten hatte Gurlitts durchaus achtbarer Versuch von Anfang an keine Chance. Das Folge-Projekt schein vielversprechend: Gurlitt erkannte die Musiktheater-Tauglichkeit von Jacob Lenz’ sozialkritischen „Soldaten“ (von 1776) und schuf aus der Vorlage ein Libretto. Die Vertonung kam 1930 zur Uraufführung. Das Stück hätte Gurlitts Durchbruch bedeuten können. Mehrere Häuser spielten den Düsseldorfer Erfolg nach. Doch zog die Machtübernahme Hitlers 1933 einen Schlusstrich hinter Gurlitts deutsche Karriere.
    Nach 1945, historischer Zynismus – Kapitel II, verhinderte eine weitere „Verdoppelung“ die Wiederbeschäftigung mit dem Werk. Bernd Alois Zimmermann gelang mit seiner „Soldaten“-Version ind en Augen vieler Kommentatoren eines der besten Beispiele für die Adaptierung avantgardistischer musikalischer Formen ans Musiktheater. „Die Soldaten“ Zimmermanns wurden zu einer Art Vorzeigestück - zuletzt wählte der neuen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, Kirill Petrenko, dieses Werk neben Richard Strauss’ „Frau ohne Schatten“ als repräsentatives Antritts-Stück in München.

    Drei Jahrzehnte nach der Uraufführung schien also das Schicksal von Gurlitts „Soldaten“ besiegelt. Und doch besann sich ein Dramaturg Ende der Neunzigerjahre des Titels und blies den Staub von der Partitur, die viele Jahre lang unbeachtet in den Regalen der Wiener Universal Edition lag. Nach der Wiederaufführung in Trier, 1998, wagt sich nun Osnabrück an Gurlitts „Soldaten“. Für „Raritätensammler“ unter den Opernfreunden ist das wohl ein Pflichttermin. Nach der Premiere am 17. Jänner folgen bis Ende Februar noch sieben Reprisen.
    Wer nicht so weit reisen möchte, kann zumindest akustisch nachkontrollieren, was Gurlitt aus dem Stück gemacht hat. Ein Mitschnitt der Premiere wird am 7. Februar (19 Uhr) in Deutschlandradio Kultur gesenendet.

    Live: www.theater-osnabrueck.de
    Rundfunkübertragung: www.deutschlandradiokultur.de
    Kommentar schreiben ()
    Salome in der Staatsoper – diesmal als Mutter-Tochter-Konflikt
    Das Richard-Strauss-Jahr ist in Wien nicht zu Ende. Jedenfalls spielt die Staatsoper zum zweiten Mal in dieser Saison „Salome“ aufs spannendste. Diesmal gibt Catherine Nagelstad mit jugendlich-hellem Sopran die Titelheldin – während Elisabeth Kulman als ebenso jugendliche Mama angesichts der kapriziös mit allen Männern kokettierenden Tochter eindrucksvolle Wutanfälle bekommt (ohne denselben ihren bemerkenswerten Schöngesang zu opfern).
    Tomasz Konieczny verflucht das gottlose Gesindel mit mächtigen, scharf attackierenden Bariton-Tönen. Herwig Pecoraro liefert als Herodes einzelne Spitzentöne wie die Karikatur eines selbstsüchtigen Verdi-Tenors und bemüht sich zwischendurch um die präzise Artikulation von Oscar Wildes Text. Der Rest der Besetzung ist perfekt – Norbert Ernst gab erstmals den Narraboth, Ulrike Helzel schmachtet ihn mit lyrisch-schönen Mezzo-Tönen an. So begann der Abend bereits mit zwei schönen Stimmen erfreulich; und entwickelte sich dank Simone Youngs souveränem Dirigat in gewaltigen symphonischen Steigerungsbögen. Am ausdrucksvollsten „gesungen“ wird in Wien bei Strauss ja sehr oft im Orchestergraben . . .
    „Salome“ gibt’s im Haus am Ring noch am 19., 23. und 27. Jänner
    Kommentar schreiben ()
    Maria Callas - einmal nur hören

    Sie bleibt natürlich das größte Phänomen der jüngeren Operngeschichte. Alle Welt wusste, wer sie war. Kaum jemand hatte sie live gehört. Die Skandalgeschichten kannte freilich jedermann. So wusste man, dass die Diva in Rom eine „Norma“-Vorstellung, der viel Prominenz beiwohnte, mittendrin platzen ließ, weil sie sich unpässlich fühlte. Das „Comeback“ war ein Konzert in Paris, dessen Video-Mitschnitt allseits bekannt ist. Nun kam eine sorgfältig restaurierte Version der Tonspur in den Handel: Und das könnten Musikfreunde nutzen, um einmal ohne optische Ablenkung zu lauschen: Wie diese Frau Verdi, Bellini, Rossini und Puccini gesungen hat, das ist und bleibt dank unfassbarer vokaler Wandlungsfähigkeit tatsächlich einzigartig. Wer da meint, die Interaktion mit dem großen Tito Gobbi im zweiten „Tosca“-Akt sei lediglich großes Theater, der irrt: Das ist eben Musik-Theater. Betonung auf den ersten beiden Silben!

    CD Tipp:
    La grande nuit de l-Opera, 1958 INA
    Kommentar schreiben ()
    Doktor Schiwago sorgt für Streit in Regensburg

    „Kitsch“, rufen deutsche Rezensenten, „Skandal“, schreit der russische Komponist der Oper.
    Eine Oper nach Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“ hat der Intendant des Theaters Regensburg bei dem russischen Komponisten Anton Lubchenko in Auftrag gegeben. Der 1985 geborene Musiker ist nicht nur schöpferisch, sondern auch als Kulturmanager tätig. Das ist nützlich in Sachen Kulturaustausch. Die deutsch-russische Freundschaft war bei Auftragsvergabe noch nicht ins Wanken geraten. Und Lubchenko plante verständlicherweise eine Übernahme der Regensburger Produktion in das von ihm selbst geführte Opernhaus von Wladiwostok.
    Ein paar Wochen vor der Premiere hin allerdings der Haussegen schief. Diese Inszenierung, so verkündete der Komponist, würde er nie und nimmer in Russland zeigen. Regisseur Silviu Purcarete hätte ein völlig verzeichnetes, von Vorurteilen und Stereotypen geprägtes Russland-Bild auf die Bühne gebracht.
    Purcarete, der mit der Presse ohnehin nie spricht, nahm zu diesem Vorwurf gar nicht Stellung. Die Premiere ging am 24. Jänner über die Bühne. Danach kommentierten die Rezensenten und schoben den Schwarzen Plattitüden-Peter postwendend dem Komponisten zu. Lubchenko spiele, so hieß es, mit Assoziationen und Zitaten der romantischen russischen Operngeschichte. Von Mussorgsky bis Borodin und Tschaikowsky sei alles vertreten; ein Schuss Schostakowitsch garantiere den Anschluss ans vorige Jahrhundert.
    Deutschlandradio bescheinigt Lubchenko immerhin große handwerkliche Meisterschaft – und weist nach, dass der Komponist schon im Libretto gegen Russland-Klischees agitiert: Der Westen, so heißt es da, will „die ach so tragische Seele von Mütterchen Russland einfach nicht verstehen“. Ausdrücklich lehnt Lubchenko übrigens auch die berühmte Filmversion aus Hollywood als Verfremdung ab.
    Regensburg bietet bis Ende Mai noch zehn Vorstellungen von „Doktor Schiwago“. Anton Lubchenko gibt die musikalische Leitung aber am 29. Jänner an Tom Woods ab. Das Solistenensemble rekrutiert sich nicht nur aus Mitgliedern des Opernhauses von Wladiwostok, sondern auch jenen des St. Petersburger Marinskij-Theaters, dessen Leiter, Valery Gergiev, zu den großen Förderern Lubchenkos gehört.
    Kommentar schreiben ()
    Jonathan Nott auf Ansermets Spuren
    Jonathan Nott, der eben eine Kurz-Tournee mit den Wiener Symphonikern absolviert hat, wird Nachfolger von Neeme Järvi als Chefdirigent des Orchestre de la Suisse romande. Damit übernimmt der Dirigent eine Position, die über lange Jahre einst von Ernest Ansermet bekleidet wurde, der mit diesem Ensemble (vor allem in den Sechdzigerjahren) eine Reihe historisch bedeutsamer Schallplatten-Einspielungen produziert hat. Nicht zuletzt die Aufnahmen damals zeitgenössischer Musik von Strawinsky über Arthur Honegger bis Frank Martin (im Exklusivvertrag mit Decca) können dank der Kompetenz Ansermets bis heute Referenz-Rang beanspruchen. Mittlerweile hat kaum noch ein Klangkörper die Möglichkeit, via Medien stilbildend zu wirken und damit internationale Beachtung zu finden, weshalb das Orchestre de la Suisse romande ein wenig aus dem Blickfeld gerückt ist. Nott gilt als Mann spannender Programm-Gestaltungen - in Wien konfrontierte er zuletzt Bartoks selten gespieltes Erstes Violinkonzert (mit Vilde Frang) mit der noch seltener zu hörenden Urfassung von Anton Bruckners Dritter Symphonie. Offenbar verspricht man sich in der Schweiz von ihm entsprechend anregende Initiativen...
    Kommentar schreiben ()
    Tipp: Jetzt gleich Ö1 einschalten!
    Gottfried Cervenka, wie immer fantastisch profund, über Fernando de Lucia und Verdi-Gesangsstil! Wer immer sich für Belcanto interessiert und das, was daraus wurde, sollte jetzt gleich zuhören.


    … übrigens ein bemerkenswertes Beispiel, wie man innerhalb von knapp zwanzig Minuten gleich zwei berühmte Tenöre akustisch "hinrichten" kann - del Monaco und di Stefano . . .
    Kommentar schreiben ()
    In Münchens Konzertleben ist einfach der Wurm drin
    Die bayrische Hauptstadt hat einige sehr gute Orchester, eines davon, jenes des Bayerischen Rundfunks, darf sogar wirklich Weltrang beanspruchen. Aber keines dieser Orchester hat einen adäquaten Konzertsaal. Zuletzt war nach viel Protest - auch von Rundfunk-Chefdirigent Mariss Jansons - zumindest eine Zeitlang die Rede davon, dass ein neuer Saal gebaut werden könnte, der den Ansprüchen an eine ideale Akustik genügt.
    Wieder nichts.
    Die Regierung hat die Pläne abgeschmettert. Der misslungene Saal am Gasteig wird renoviert. (Das hätte er sowieso müssen, ätzen jetzt Kenner - Fast: München spart und muss sich symphonisch weiter g'fretten . . .)
    Kommentar schreiben ()
    Bach entdecken? Nein: Wiederhören!
    Heute Abend geht Georg NIgls Bach-Zyklus im Konzerthaus in die 24. Runde. Und alle, die da meinen, sie hätten noch nie etwas von einer Kantate namens "Herz und Mund und Tat und leben" gehört, könnten eine freudige Überraschung erleben. Erinnern Sie sich an die wunderbare Choralbearbeitung von "Jesus bleibet meine Freude", die Dinu Lipatti einst so herzzerreißend schön gespielt hat? Das war eine Klavierbearbeitung (von der großen Myra Hess erstellt) eines Satzes aus oben erwähnter Kantate. Also doch! Abgesehen davon, dass jede Bach-Kantate die spannendsten Entdeckungen garantiert - auch zum "Wiederhören". Also: Dem Schneesturm getrotzt und auf ins Konzerthaus!
    www.konzerthaus.at
    Kommentar schreiben ()
    Heinz Zednik: 50 Jahre Staatsoper - im Theatermuseum
    Am Mittwoch wird im Theatermuseum im Palais Lobkowitz die Ausstellung „Der Meister Tön’ und Weisen“ eröffnet: Heinz Zednik zum 75. Geburtstag und 50. Staatsopern-Jubiläum. Als David in den „Meistersingern“ hat Zednik immer wieder über diese „Tön’ und Weisen“ gesungen. In Wagners Komödie hat er auch sein Staatsopern-Debüt absolviert: In Graz engagiert, kam der junge Tenor im November 1964 nach Wien, um den Augustin Moser zu singen. Ein Jahr später war er bereits Mitglied des Ensembles; und hat den Wiener Opernbetrieb dann ein halbes Jahrhundert lang um unvergessliche Charakter-Darstellungen bereichert. Spätestens als ihn Patrice Chéreau als Mime für den sogenannten „Jahrhundert-Ring“ in Bayreuth engagierte, wurde der Wiener „international“ – und wirklich weltweit als einzigartiger, tiefgründiger Gestalter im Charakterfach gefeiert. Dennoch ist Zednik Wiener – und Staatsopern-Mitglied – geblieben, von den kleinsten und kleineren Partien (zuletzt dem Hahn in Janaceks „schlauem Füchslein“) bis zum Herodes in der „Salome“, dem Mime, dem Loge, dem Hauptmann im „Wozzeck“ hat er alle Partien seines Fachs gesungen – und war ganz selbstverständlich nicht nur in der Oper, sondern auch im unterhaltenden Fach bis hin zum Wienerlied viel beschäftigt.
    In der Ausstellung vergisst man auch nicht, dass Heinz Zednik auch als Lieder-Sänger einfühlsame Interpretationen bot. Vor allem freilich dokumentiert man die enorme Bandbreite des Bühnen-Darstellers.
    Markus Vorzellner und Elisabeth Truxa haben die Erinnerungsstücke zusammengestellt und lassen das reiche Künstlerleben Revue passieren.
    Der Jubilar selbst ist mehrmals zu erleben, am 22. April in einem Liederabend, davor schon das eine oder andere Mal in Gesprächsrunden – estmals am Donnerstag, dem 26. Februar im „Kultur-Café“. (Informationen unter www.theatermuseum.at).
    Am 20. April gibt es einen „Presse“-Musiksalon „spezial“ mit Heinz Zednik im Eroicsaal des Palais Lobkowitz.
    Kommentar schreiben ()

    Heinz Zednik: "Fidelio"-Probe mit Herbert von Karajan 


    Kommentar schreiben ()

    "Aida" an der Scala: Gerichtsszene mit Anita Rachvelishvili in Ferdinand Wögerbauers Bühnenbild [©ServusTV_Monti)

    Kommentar schreiben ()
    Aida aus Mailand: Am 21. Februar live in Servus-TV
    Die Reprise von Peter Steins "Aida"-Inszenierung unter Zubin Mehtas Leitung an der Scala wird am 21. Februar im Hauptabendprogramm übertragen.
    Kommentar schreiben ()
    Einmal noch: Jansons mit dem Concertgebouw Orchester - heute Abend!
    Das ist vermutlich unwiderruflich das letzte Mal, dass wir Mariss Jansons als Dirigent des Concertgebouw Orchesters erleben können: Heute Abend beschließt eines der für diesen Maestro so typischen Effekt-Programme das Kurzgastspiel im goldenen Musikvereinssaal: Debussys "iberia", Tänze aus dem "Dreispitz" von de Falls und Respighis "Pinien von Rom" dienen als Demonstrationsobjekte orchestraler Virtuosität.
    Ein gehaltvolles Programm mit Werken der beiden Antipoden Richard Strauss und Gustav Mahler machte gestern, Mittwoch, den Anfang: Jansons konfrontierte jene Konzertwerke der beiden Meister miteinander, in denen sie die gewohnten Riesenbesetzungen zugunsten (im Falle Malers beinahe) kammermusikalischer Strukturierungen verringerten. Die filigrane Suite aus dem "Bürger als Edelmann" ließ hören, warum so wenige Dirigenten es wagen, das Stück aufs Programm zu setzen: Dazu braucht's geschliffene Feinarbeit - das Concertgebouw-Orchester leistet sie. Gleich der erste Einsatz verrät das Raffinement, mit dem an der dynamischen Differenzierung gefeilt wurde.
    Die solistische Brillanz der ersten Bläser oder der Solo-Cellistin kam dann auch Mahlers Vierter zugute, in der Jansons vor allem die Poly- und Heterophonie betonte, die rücksichtslose pittoreske Strichführung des "Klangmalers" Mahler, der lyrisch-zarte Pastellbilder mit grellen, schrägen, schrillen Effekten durchkreuzt, übermalt, konterkariert. Aufregend - und zuletzt in den Hafen kurios-stiller Einkehr gesteuert durch samtweich strömende Sopransolo Dorothea Röschmanns, die kurzfristig für Genia Kühmeier eingesprungen war. Berührend, dass Jansons mit diesem Programm an die singuläre Strauss- und Mahler-Tradition seines Amsterdamer Meister-Orchesters anknüpfte - und so einen beziehungsvollen Schlusspunkt hinter sein Amsterdamer Jahrzehnt setzte: Mit ihm verliert Amsterdam einen Meister, der gerade in diesem für das Orchester so schicksalsträchtigen Repertoire bemerkenswerte Zeichen zu setzen verstand.
    2016 geht die Concertgebouw-Führung an Daniele Gatti.
    Kommentar schreiben ()
    Sebastian Weigles Visitenkarte: Erfolg auf glattestem Parkett
    Womit debütiert ein aufstrebender Kapellmeister am Pult der Wiener Symphoniker. Würde man das als Preisfrage formulieren, kämen heutzutage ein paar notorische Straßenfeger als Antwort: Die „Symphonie fantastique“, Mahlers Erste oder Fünfte, Strawinskys „Feuervogel“ oder eine Schostakowitsch-Symphonie. Das sind Stücke, bei denen in Wahrheit überhaupt nichts schiefgehen kann. Sie wirken auf jeden Fall, die Orchester haben sie „drauf“ und man geht als Interpret kein wie immer geartetes Risiko ein.
    in diesem Sinne darf man gespannt sein, was der Frankfurter Generalmusikdirektor Sebastian Weigle im kommenden Dezember aufs Programm setzten wird, wenn er offiziell das erste Mal am Pult der Wiener Symphoniker stehen wird. Er hat sich freilich quasi selbst überholt, indem er am vergangenen Wochenende für den erkrankten Wladimir Fedosejew einsprang und dessen Programmfolge unverändert übernahm.
    Also kam Weigle in den Genuss von Rimskij-Korsakows „Scheherazade“, die durchaus ins obige Schema passt. Im ersten Teil des Konzerts aber gab man Musik von Carl Maria von Weber. Und das würde sich kein junger Dirigent je für ein Debüt-Konzert aussuchen.
    Warum? Webers Werke zählen zum Heikelsten, das im frühromantischen Repertoire zu finden ist. Heutzutage stilistisch so „befleckt“ wie Barock oder Klassisches, weshalb ja sogar Mozart-Symphonien beinah vollständig aus dem großen symphonischen Repertoire verschwunden sind; von Haydn ganz zu schweigen.
    Weber nun legt Weigle die interpretatorische Doppelmühle: Hie die hochromantische „Freischütz“-Ouverture, kräftig vorbelastet einerseits durch den heutzutage gern als Makel denunzierten Geruch deutscher Romantik, andererseits durch legendäre Darbietungen unter der Leitung von Koryphäen wie Karl Böhm oder Carlos Kleiber. Dergleichen blendet ein Wiener Konzertbesucher ja nicht aus.
    Da die erste der beiden Symphonien des jungen Weber, vermutlich noch schwierigeres Terrain, denn hier konfrontiert sich ein jugendliches Genie, zum Dramatischen geboren, mit der strengen klassischen Form. Weber löst das Problem auf zauberhaft-naive Weise, indem er Theatralisches als formgebendes Element in die „absolute“ Sonatensatz-Zone hereinholt.
    Das hat Weigle durchschaut. Er spielt damit souverän: Der allgemein als schwach geltende langsame Satz der Symphonie wird bei ihm zur spanenden Opernszene ohne Worte, getragen von ungemein beredten Holbläsersoli. Die Klarinette hatte schon in der Ouvertüre ihren großen, hinreißenden Auftritt, nun folgten einschmeichelnd die Oboe und – im Finalsatz besonders beherzt und mit Witz – die Flöte. Die tiefen Streicher hatten gleich in den ersten Symphonietakten sinistre Stimmungsmalerei beigetragen und damit bewiesen, dass der Boden unterminiert ist, auf dem das symphonische Gebäude hier zum Stehen kommen wird.
    Solch ausdrucksvoll bildhaftes Durcheinander geordnet zu haben, indem die klassischen Form-Vorgaben auf Punkt und Komma erfüllt wurden, ohne dass die Buntheit und differenzierte Erzählfreude der höchst unterschiedlichen Details dadurch beschnitten worden wäre, das war Weigles großes Verdienst.
    Die Symphoniker dankten dem umsichtigen Kapellmeister sein Engagement mit ungemein subtilem, gefühlvollem Spiel, zauberten herrliche Pianissimi hervor und wahrten im Ausdrucks-Furor zwischendrin, wie im Geschwindigkeits-Rausch des quriligen Finales das Reinheitsgebot: Ungestörter Schönklang war vom ersten bis zum letzten Ton Trumpf.
    So vielsagend, so überzeugend kann ein Dirigent mit eingangs geschildertem Virtuosen-Repertoire seine Visitenkarte gar nicht abgeben. Sebastian Weigle mag nun im Dezember dirigieren, was er mag. Dass er einer der wirklich führenden Kapellmeister seiner Generation ist, hat er mit seiner Einspringer-Präambel auf schwierigstem symphonischem Parkett bewiesen.
    Kommentar schreiben ()
    Unterhaltendes vom Opern-Meister: Zemlinskys Klaviermusik auf CD
    Alexander von Zemlinsky hat man in den vergangenen Jahrzehnten wieder schätzen gelernt als stürmischen Musikdramatiker. In jungen Jahren hat der Meister des Expressiven auch Klaviermusik komponiert. Tänze zunächst, nach Brahms’schem Vorbild, Lieder ohne Worte nach Dehmel-Gedichten – der Geliebten gewidmet, als sie schon Alma Mahler hieß. Das alles tönt weniger nach Musikdrama als nach wienerischer Unterhaltungsmusik des Fin de siecle. 1902 folgt als Nachzügler - und tatsächlich fürs Theater - noch „Ein Lichtstrahl“ (erinnert man sich noch zweier verschiedener „Erstaufführungen“ im Konzerthaus?) – Die Dreiecksgeschichte, gar nicht tragisch, sondern eher kabarettistisch-doppelbödig, mündet in einen charmanten Walzer.
    Emanuele Torquati hat Zemlinskys Klaviermusik komplett auf einer CD vorgelegt. Hörenswert, wenn man sich nicht Opernhaftes erwartet, sondern eher Salonmusik auf hohem Niveau.
    Kommentar schreiben ()

    Zemlinskys Klaviermusik auf Brilliant Classics. 


    Kommentar schreiben ()
    Mirella Freni zum Geburtstag

    Von Ruhestand ist keine Rede. Gestern ein Gala-Konzert zu ihren Ehren in der Mailänder Scala, morgen, am eigentlichen Jubeltag, ein Festakt in der Heimatstadt Modena: Mirella Freni ist mit 80 höchst aktiv.
    Sie war die Partnerin der größten Opern-Künstler des 20. Jahrhunderts, mit dem „Re di bassi“, Nicolai Ghiaurov, war sie verheiratet, mit Luciano Pavarotti, der ebenfalls in Modena zur Welt gekommen war, teilte sie die Amme; und für Herbert von Karajan war sie im italienischen Fach über viele Jahre hin die erste Wahl für Primadonnenrollen.
    Der internationale Durchbruch der Freni in der bis heute unangefochtenen Zeffirelli-Produktion der „Boheme“ ist legendär: Unter Karajan sang sie die Premieren in Mailand und Wien – und war von da an unangefochtene Publikumsfavoritin. Wobei Wien bis zur Rückkehr Karajans, 1977, warten musste, um die Freni wieder in der Staatsoper erleben zu dürfen.
    Die Kunst, nein zu sagen
    In Mailand gab die Sängerin in der ersten Euphorie dem Maestro nach und ließ sich auch als Violetta in einer neuen „Traviata“ aufs Programm setzen. Das ging beinah schief. Doch ab sofort durfte die Sopranistin Karajan auch nein sagen. Zuletzt tat sie das, als er sich wünschte, sie möge Ende der Siebzigerjahre noch einmal die Mädchenpartie der Nanetta in Verdis „Falstaff“ singen. Sie wäre gern die Alice in der Salzburger Festspielinszenierung gewesen. Aber das sollte nicht mehr sein.
    Dafür war die Freni die unvergessliche Elisabeth in „Don Carlos“ und eine hinreißend schön und gefühlvoll singende „Aida“, der man nicht anhörte, wie schwer diese Partie (für alle Konkurrentinnen) zu singen ist . . .
    Für Wiener Musikfreunde ist und bleibt diese Künstlerin die Inkarnation der Mimi. Sie sang freilich auch Puccinis Manon, Verdis Desdemona und die Amelia in „Simon Boccanegra“; oder die beiden großen Tschaikowskys-Frauenrollen, Tatjana und Lisa, makellos und berührend.
    Regie-Untaten: nicht einmal ignorieren!
    Kaum eine Sängerin hat sich so erfolgreich gegen den in deutschsprachigen Landen grassierenden Regie-Wahnsinn gestemmt wie sie. Ex-Intendanten, die heute behaupten, werkgerechte Inszenierungen würden den Fortschritt der Gattung Oper bremsenm ließen für sie Bühnenbilder umbauen, wenn sie befand, diese entsprächen nicht dem, was das Textbuch vorgibt, und setzten selbstverständlich völlig realistische Neuinszenierungen an, wenn die Freni in einer bestimmten Partie debütieren wollte.
    Nun feiert die Künstlerin am 27. Februar ihren Achtziger und gibt, gottlob wirklich vergnügt und jung geblieben, dem Sängernachwuchs gern sehr traditionsbewusste, also höchst zukunftstaugliche Ratschläge . . .
    Kommentar schreiben ()
    Junge, dramatische Stimmen für "Turandot" in Bregenz
    Zum Einstand lässt Elisabeth Sobotka, scheidende Intendantin in Graz, kommende Chefin der Bregenzer Festspiel, eine Mauer bauen. Die "chinesische Mauer", genau genommen, bestehend aus 650 Steinquadern, 27 Meter hoch, 72 Meter breit, "bewacht" von 200 (vergrößerten) Repliken der berühmten Terrakotta-Krieger - Regisseur Marco Arturo Marelli wünscht sich eine "monumentale" Aufführung von Puccinis unvollendeter letzter Oper, in der "vollendeten" Fassung Franco Alfanos, gesungen von Sängern, die Susanne Schmidt, Opern-Direktrice der Festspiele, zu beschreiben weiß: man hätte sich für "Stimmen mit dramatischer Kante, aber am jüngeren Ende", entschieden.
    Katrin Kapplusch, Mlada Khudoley und Erika Sunnegardh alternieren in der Titelpartie.
    Den unbekannten Prinzen geben Riccardo Massi, Arnold Rawls und Rafael Rojas.
    Die Bregenzer konnten bereits mehr als die Hälfte der 169.000 Eintrittskarten für das Spiel am See 2015 absetzen.
    Kommentar schreiben ()
    Streichquartett-Tetralogie im Konzerthaus
    Bei den Cineasten heißt so etwas ein "Remake": Eine Art Rekonstruktion eines historischen Wiener Musikabends stand gestern, Donnerstag, am Beginn einer Art Marathon-Strecke für Musikfreunde, die das Streichquartett als so etwas wie die höchst entwickelte, raffinierteste Gattung der abendländischen Kunst-Musik betrachten: Das Hagen Quartett musizierte genau jenes Programm aus drei Mozart-Quartetten, nach dem Joseph Haydn einst dem stolzen Komponisten-Vater Leopold erklärte, sein Sohn sei der größte Komponist, den er kenne.
    Heute, Freitag, folgt im Quartett-Schwerpunkt das Artemis-Quartett mit slawischen Meisterwerken - Dvorak, Schostakowitsch und Tschaikowsky sorgen für ein Gegengewicht zur "westlichen" Übermacht, während am Samstag das Hugo Wolf Quartett "Kontrapunkte" aus Bachs "Kunst der Fuge" mit Stücken von Anton von Webern, einer Novität von Gerhard Winkler und Beethovens in vielem bis heute ungebremst "modern" wirkendem a-Moll-Quartett op. 132 konfrontiert. Das Eos-Quartett setzt anlässlich seines Auftritst am Sonntag Abend dann mit Beethovens Erstling einen Schlusspunkt, um den kammermusikalischen Marathon mit Michael Vogt als Gast abzurunden, der das Quartett für Schuberts wundervolles C-Dur-Werk zum Quintett aufstockt.
    www.konzerthaus.at

    Kleines Mozart-Wunder bei den "Hagens"

    Am ersten Abend (dem zweiten im Mozart-Zyklus) beeindruckte das Hagen-Quartett durch ungemein lebendiges, agogisch völlig freies, beredtes Spiel. Zwar haben die Salzburger Weltklasse-Musikanten ihren grundsätzlich am vibratogesättigten Schönklang orientierten Stil nicht aufgegeben; gottlob. Aber sie haben von den Originalklang-Musikern gelernt, wie frei, ja anarchisch in Bezug auf den rhythmisch-metrischen Fluss Interpreten einzelne Phrasen der "Klangrede" gestalten werden dürfen, wie Argumente und Gegenargumente charakteristisch voneinander abgesetzt, als krasse Antithesen formuliert werden können. Das Gefühl für die architektonische Formgebung kommt den "Hagens" dabei nie abhanden, doch en détail sind ihre Wiedergaben von dramatischer Spannung erfüllt und voll der überraschenden Pointen, jähen Volten,
    Dabei herrscht auch koloristisch hoher Reichtum: beispielsweise sind die subtil-pastelligen Arabesken, zu denen Sekundgeiger Rainer Schmidt die Zweiunddreißigstel-Figurationen in "seiner" Variation im A-Dur-Quartett (KV 464) macht, ein Ereignis für sich. Dergleichen Feinheiten finden sich zuhauf; und, da bewahrheitet sich Joseph Haydns staunenswerter Satz immer aufs neue, die Bewunderung für die unerschöpflichen Fantasmen diesen Komponisten wächst immer weiter . . .
    Kommentar schreiben ()
    Live dabei beim Neujahrskonzert?
    Eine nur scheinbar unzeitgemäße Betrachtung


    Zwei Tage noch! Angeblich haben sich die Chancen auf Grund eines gerechteren Verteilungssystems ja enorm gesteigert. Es scheint jedenfalls kein Mysterium mehr zu sein, wie man zu Karten für das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker kommen könnte.
    Früher einmal hieß es, die Glücklichen würden aus jenen Briefbestellungen gezogen, die präzis am 2. Jänner im Büro des Orchesters eintreffen. Im Internet-Zeitalter ist alles anders. Die Homepage der Philharmoniker verriet es gleich nach Ende des diesjährigen Konzerts: „Vom 2. Januar - 28. Februar 2015 läuft die Anmeldefrist zur Verlosung von Kaufkarten für alle drei Konzerte zum Jahresende 2015/16. Registrieren Sie sich oder loggen Sie sich ein auf wienerphilharmoniker.at um an der diesjährigen Verlosung teilzunehmen!“
    Auch alle, die jetzt gerade gar keine Lust auf wienerischen Dreivierteltakt verspüren: Man könnte das ja einmal probieren. Wer drankommt, freut sich garantiert am 1. Jänner 2016 . . .
    Kommentar schreiben ()
    Die "Puritaner" mit Olga Peretyatko heute live in Ö1
    Heute ab 19 Uhr wird die Aufführung von Bellinis "Puritani" live übertragen. Olga Peretyatko ist die Elvira, Jongmin Park der Giorgio und John Tessier der Arturo.
    Besonderer Reiz: Mit dieser Vorstellung feiert Carlos Alvarez (in der Partie des Riccardo) sein 20-Jahr-Jubiläum auf der Bühne der Wiener Staatsoper.
    Kommentar schreiben ()
    Jonas Kaufmann als Radames?
    Anja Harteros als Aida - wie es war, als das deutsche Traumpaar des internationalen Opern-Business in Rom in Verdis ägyptischem Meisterwerk debütierte, weiß Kollege Josef Schmitt. Er war im Auditorium der "Accademia di Santa Cecilia", wo Antonio Pappano offenbar meisterhaft die CD-Aufnahme vor einem enthusiasmierten Publikum dirigierte.

    Zur Rezension:
    diepresse.com
    Kommentar schreiben ()
    Petrenkos "Walküren"-Einstand in München
    Die bayrischen Opernfreunde dürfen sich zumindest ein bisschen freuen: Ihr Generalmusikdirektor zaubert Wagner-Klänge aus dem Staatsorchester, die man in solcher Subtilität und Eindringlichkeit im Nationaltheater wohl selten vernommen hat. Leider steht ihm nur eine höchst mittelmäßige Sängerbesetzung zur Verfügung - Elisabeth Kulmans herrische Fricka und der sehr wortdeutliche, prägnante Hunding Günther Groissböcks ausgenommen, die mit der orchestralen Beredsamkeit mithalten können.
    Desaströs ist freilich die Inszenierung Andreas Kriegenburgs, die jegliche Poesie, jegliche Innigkeit durch schülerhaftes Scharaden-Spiel denunziert. Damit müssen die Münchner freilich leben - deutsche Feuilletonisten verleihen für derlei Verballhornungen gern Sonderpreise; über die freuen sich die Intendanten. Ein Potemkinsches Dorf. Das Publikum, das sich in der Opernrealität eine adäquate "Walküre" erhofft, hat das Nachsehen; ein neuer "Ring" kann ja nicht alle paar Jahre finanziert werden . . .

    Eine ausführlichere Rezension erschien in der gedruckten "Presse":
    diepresse.com
    Kommentar schreiben ()
Gesponsert von ScribbleLive Content Marketing Software Platform

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen